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Rohfütterung, heiß diskutiert – Wolf und Hund im Vergleich


BARF („biologisch artgerechtes rohes Futter“) erfreut sich bei Hundebesitzern zunehmender Beliebtheit als Alternative zu kommerziellem Fertigfutter. Es ist aber auch ein sehr ideologisch-emotional besetztes Thema mit ebenso engagierten Verfechtern wie Kritikern auf beiden Seiten. Dieser Artikel widmet sich der Frage, inwieweit die Ernährung von Hund und Wolf vergleichbar ist.

 

Grundsätzlich verbirgt sich hinter dem Begriff „BARF“ eine je nach Verwender unterschiedliche Interpretation. Für die Abkürzung gibt es unterschiedliche Langformen, in Deutschland durchgesetzt hat sich die Ausformulierung „biologisch artgerechtes rohes Futter“. Die tatsächliche Umsetzung dieses Begriffs reicht von der überwiegenden Verfütterung fleischiger Knochen über die mehr oder weniger aufwendige Zubereitung eines „Menüs“ aus einer Vielzahl von Zutaten, um dem Nährstoffbedarf des Hundes gerecht zu werden, bis hin zur Ergänzung von Fertigfutter mit etwas rohem Fleisch und Gemüse. Das Ziel ist, den Hund möglichst ähnlich zu ernähren, wie dies sein Vorfahr, der Wolf, tun würde.

Exkurs: Wie der Wolf zum Hund wurde:


Grundsätzlich setzt sich so eine BARF-Ration im eigentlichen Sinne, unabhängig davon, ob sie als tiefgefrorenes „Fertigmenü“ erworben oder selbst zusammengestellt wird, in aller Regel aus rohem Muskelfleisch, Innereien und fleischigen Knochen sowie Obst, Gemüse und verschiedenen Ölen zusammen. Ergänzt wird dies durch weitere natürliche Futtermittel wie Kräuter, Algen oder Lebertran. Auch Eier, Fisch und Milchprodukte können sich auf dem Speiseplan wiederfinden, gelegentlich werden die Knochen durch Eierschalen oder Knochenmehl ersetzt. Manche Besitzer verfüttern geringe Mengen an gekochten Kartoffeln, während Getreide meist strikt gemieden wird.

Unterschiedlicher „Lebenszweck“ – unterschiedliche Ernährung

Der Hintergedanke hinter dieser Fütterungsform ist im Wesentlichen, die Fütterung des Hundes möglichst nah an das Futter seiner wölfischen Vorfahren anzupassen. Hier ergeben sich jedoch bereits erste, bedenkenswerte Unterschiede zwischen dem „Lebenszweck“ des Wolfes und unseren Haustieren. Der „Zweck“ des Wolfes besteht darin, seine Gene an die nachfolgende Generation weiterzugeben, somit also ein fortpflanzungsfähiges Alter zu erreichen. Sobald die „Fortpflanzungspflicht“ erfüllt ist, ist das Einzeltier aus Sicht der Natur entbehrlich, ja sogar ein unnützer Ressourcenverbraucher. Insofern ist das Ausschöpfen der maximalen Lebenserwartung aus evolutionsbiologischer Sicht sicherlich kein Ziel für das Wildtier, während wir uns genau dies für unser „Familienmitglied Hund“ sehr wohl wünschen und dies auch noch möglichst bei bester Gesundheit. Daher spielt für einen Wolf eine Ernährung, die nicht in allen Nährstoffen bedarfsgerecht ist, sondern gegebenenfalls im einen oder anderen Bereich einen Mangel oder eine Überversorgung aufweist, eine geringere Rolle, solange keine Ausmaße erreicht werden, die die Fortpflanzung unmöglich machen. Viele Fehlversorgungen brauchen relativ lange, bis ein klinisch sichtbares Problem mit Krankheitswert auftaucht – bis zu diesem Zeitpunkt hat ein Wolf mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Fortpflanzungsfähigkeit bereits erreicht.

Abgesehen also von der für den Wolf vergleichsweise geringeren Problematik einer unausgewogenen Ration kommen jedoch auch noch weitere Aspekte hinzu, in denen sich die Wolfsernährung von unseren gängigen BARF-Rationen unterscheidet. Der Wolf ist ein Beutefresser (und genau dies versucht die BARF-Fütterung ja auch nachzuahmen). Er bevorzugt frische Beute, auch wenn er im Notfall Aas nicht verschmäht. Der Wolf frisst auch große Beutetiere nahezu vollständig, beginnend mit den inneren Organen Lunge, Leber, Herz und Nieren, anschließend das Muskelfleisch und schließlich die Hüllen des Magen-Darm-Trakts (der Inhalt wird, entgegen verbreiteter Meinung, nicht gefressen, da es für einen Beutejäger, der jeden Tag große Strecken zurücklegen muss, wenig sinnvoll ist, in größeren Mengen Ballaststoffe aufzunehmen – für unsere Haushunde ist es, so wie für uns Menschen, im Interesse der Darmgesundheit jedoch durchaus empfehlenswert, Ballaststoffe in die Ernährung zu integrieren). Die Beutetiere des Wolfs sind, im Gegensatz zu unseren Schlachttieren, nicht entblutet, sodass der Wolf auch das Blut in vollem Umfang mit seiner Ration aufnimmt. Daher ist es zumindest unter diesen Aspekten nicht ganz einfach, das Beutetier für unsere Hunde aus verschiedenen Zutaten wieder vollständig „zusammenzusetzen“. Auch unterscheidet sich, nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Fütterung, die Fett- und Eiweißzusammensetzung der Tiere, die unseren Hunden als Nahrungsgrundlage dienen (in der Regel landwirtschaftliche Nutztiere wie Rinder oder Hühner) von den Wildtieren, die ein Wolf als Beute erlegen kann. Auch in dieser Hinsicht wird sich eine wie auch immer ausgeklügelt zusammengesetzte BARF-Ration mit hoher Wahrscheinlichkeit von „natürlicher Wolfsnahrung“ unterscheiden.

Der Wolf hat einen höheren Energiebedarf als unser Haushund

Ein weiterer Aspekt, der es schwierig macht, unseren Haushunden die gleiche Mahlzeitenzusammensetzung wie einem Wolf anzubieten und dabei alle Nährstoffbedürfnisse zu erfüllen, ist, dass Wölfe sehr große Futtermengen benötigen, da sie auf ihrer Jagd nach Beute täglich weite Strecken zurücklegen und einen entsprechend hohen Energiebedarf haben. Jedoch steigt der Bedarf nicht für alle Nährstoffe parallel zum Energiebedarf gleichermaßen an. Durch die Aufnahme größerer Futtermengen, um den Energiebedarf zu decken, steigt aber die absolute Aufnahme anderer Nährstoffe, so dass deren Bedarf sicher gedeckt ist. Da sich aber nun unsere Haushunde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der Regel nicht so intensiv bewegen, wie dies der Wolf auf der Futtersuche tut, haben sie bei vergleichbarem Körpergewicht zwar bei vielen Nährstoffen einen ähnlich hohen Bedarf, aber benötigen eine deutlich geringere Energiemenge. Wenn sie nun ein vergleichbar zusammengesetztes Futter fressen, bedeutet dies, dass ihr Energiebedarf mit einer geringeren Menge gedeckt ist (und die tägliche Futtermenge richtet sich nach dem Energiebedarf – anderenfalls würde der Hund sein Gewicht nicht halten können) als beim Wolf. Dies heißt aber auch, dass die Aufnahme anderer Nährstoffe geringer ist und dadurch oft den (im Vergleich zum Wolf ähnlich hohen) Bedarf nicht deckt. Daraus resultiert auch die Schwierigkeit, ohne einen etwas höheren Aufwand mit einer Vielzahl an Zutaten eine ausgewogene, bezüglich aller Nährstoffe bedarfsdeckende Ration für einen Hund aus rein natürlichen Zutaten zusammenzustellen.

Dies stellen erst einmal ein paar Hintergrundgedanken zur „Machbarkeit“ bzw. Vergleichbarkeit einer Fütterung unserer Hunde wie beim Wolf dar. Hinsichtlich Vor- oder Nachteilen dieser spezifischen Fütterungsform sind diese Aspekte aber erst einmal weitgehend neutral zu sehen. Die Pro- und Contra-Argumente der Befürworter und Gegner dieses beliebten Trends werden Thema des nächsten Artikels sein.

 

Literatur:

Fritz, J. (2015). Hunde barfen – Alles über Rohfütterung. Ulmer-Verlag, Stuttgart, ISBN 978-3-8001-7889-6.