Seite auswählen

Fast alles hat zwei Seiten – Pro & Contra BARF

Auch wenn es den Eindruck erwecken kann, dass BARF entweder nur Vor- oder nur Nachteile hat, falls man im Gespräch entweder einen glühenden Verfechter oder aber Gegner dieser Fütterungsmethode antrifft, ist das Ganze nicht so eindeutig, wie man es vielleicht gerne hätte.

 

Viele Hundebesitzer würden gerne ihren Hund mit einer BARF-Ration versorgen, häufig auch, weil sie im Bekanntenkreis, bei Spaziergängen oder in der Hundeschule von anderen Besitzern positive bis hin zu euphorische Berichte hören über die Erfolge, welche die Umstellung auf diese Ernährungsform im Vergleich zu herkömmlichem kommerziellem Fertigfutter gebracht hat oder haben soll. Sei es, weil man es selbst auch für richtig hält, sei es, weil man vielleicht einem gewissen Gruppendruck oder Rechtfertigungszwang unterliegt – das Bedürfnis, sich mit dieser Form der Fütterung zu beschäftigen, wächst. Und natürlich möchte man als um das Wohl des eigenen Vierbeiners besorgter Hundebesitzer auf der einen Seite nicht den Fehler machen, dem vierbeinigen Familienmitglied eine für es optimale Ernährung vorzuenthalten, die angeblich doch so sehr viel besser sein soll als das, was beim eigenen Vierbeiner immer so im Napf landet. Auf der anderen Seite möchte man natürlich auch nicht jeder Ideologie oder jedem Trend hinterherrennen, bei dem sich vielleicht doch eventuell einmal herausstellen könnte, dass alles doch nicht so toll oder vielleicht sogar schädlich war…

Daher wollen wir uns heute bemühen, ein wenig Licht ins Dunkel des „Für und Wider BARF“ zu bringen, nachdem wir uns im letzten Artikel damit beschäftigt haben, inwieweit sich die Fütterung von Hund und Wolf vergleichen lässt. 

Werfen wir erst einmal einen Blick auf wesentliche Vorteile – wovon profitiert mein Hund oder auch ich als Besitzer, wenn ich die Fütterung auf BARF umstelle?

  • Da ist erst einmal die Tatsache, dass ich, wenn ich „Herr“ über die Zusammensetzung der Ration bin und alles selbst zusammenstelle und einkaufe, auch ganz genau weiß, was im Napf landet – ich kenne die Qualität, die Frische, die Herkunft der Produkte (oder kann sie zumindest kennen, wenn ich das möchte und mich darum bemühe). Dies trifft allerdings nur für den Fall zu, dass man die Zutaten wirklich einzeln einkauft und nicht auf die (in der Handhabung sicherlich praktischen) gewolften, also zerkleinerten Pakete aus tierischen Nebenerzeugnissen, die man z.B. im Internet bestellen kann, zurückgreift. Denn bei diesen bereits weiterverarbeiteten, meist gefrorenen Blöcken lässt sich die genaue Zusammensetzung ebenso wie bei einem herkömmlichen Fertigfutter allenfalls noch aus der Zutatenliste entnehmen – und der muss man dann halt einfach mal glauben (womit aber der genannte Vorteil natürlich entfällt).

BARF: Unter anderem kommt es auf Herkunft, Frische und Stückgröße der einzelnen Bestandteile an

 

  • Wenn man dem Hund das verwendete Fleisch in größeren Brocken (z.B. größere Stücke Pansen), also wenig zerkleinert, anbietet, ist er länger mit der Futteraufnahme beschäftigt. Dieser Vorteil entfällt bei zerkleinerter Ware natürlich ebenfalls. Die Fütterung größerer Brocken Fleisch oder ganzer Knochen und die damit verbundene stärkere Kau- und ggf. Nagetätigkeit kann zu einer besseren Zahngesundheit aufgrund geringerer Bildung von Zahnstein oder weniger Zahnfleischentzündungen führen. Dies ist allerdings nicht sicher belegt, da Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und auch bei Wildhunden z.B. in Afrika bei einem hohen Prozentsatz der untersuchten Tiere Zahnfleischentzündungen festgestellt wurden. Insofern spielen bei der Zahngesundheit neben der Art der verfütterten Ration sicher auch individuelle Aspekte wie Veranlagung oder Fütterungshäufigkeit eine Rolle.
  • Aufgrund der oftmals besseren Verdaulichkeit der für BARF-Rationen verwendeten Komponenten berichten viele Besitzer von einer deutlich reduzierten Kotmenge, was insbesondere in dicht besiedelten Gegenden wie in der Großstadt einen deutlichen Vorteil darstellen kann. Oftmals von Befürwortern der BARF-Fütterung angeführte Vorteile wie ein verringerter Parasitenbefall, ein verbessertes Immunsystem und ein glänzenderes Fell haben sich wissenschaftlich bisher weder objektiv bestätigen noch widerlegen lassen.


Jedoch hat die BARF-Medaille leider auch noch eine zweite Seite. Denn die Methode birgt durchaus auch Risiken, die zwar sicher nicht für jede Hund-Halter-Paarung im gleichen Umfang zutreffen, über die man sich aber zumindest einmal ausgiebig Gedanken gemacht haben sollte, bevor die Rohfütterung im eigenen Haushalt Einzug hält.

  • So sind wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge viele kommerziell erhältliche tiefgekühlte BARF-Pakete, die man zur Vereinfachung der täglichen Umsetzung dieser Fütterungsmethode im Internet bestellen kann, bakteriell stark belastet. Dies gilt sowohl für die Menge der gefundenen Keime als auch für Befunde von Keimen, die eigenständig krankmachendes Potential haben (wie z.B. Salmonellen oder Kolikeime). So waren über 20% der untersuchten Produkte mit Salmonellen belastet, von denen der überwiegende Teil gegen eines oder mehrere Antibiotika resistent war. Gesunde, immunkompetente Hunde werden von Salmonellen in aller Regel selbst nicht krank, sondern sind klinisch stumme Ausscheider – und stellen damit ein Risiko vor allem für immunschwache Personen in ihrem Umfeld (also z.B. kleine Kinder, alte Leute oder Schwangere) dar, für die eine Infektion mit diesem Keim, insbesondere, wenn dieser dann auch noch Antibiotikaresistenzen aufweist, dramatische Konsequenzen haben kann. Aber auch immungeschwächte Hunde oder Welpen können tatsächlich an einer klinischen Salmonellose schwer erkranken. Auch weitere potentiell krankmachende Bakterien können enthalten sein, wie z.B. Yersinien, E. coli, Campylobacter oder auch Mykobakterien (Tuberkuloseerreger).
  • Bei Verfütterung von rohem Schweinefleisch (das deswegen bei BARF-Rationen gemieden wird) kann es unter Umständen zur Infektion mit dem Aujeszky-Virus (einem Schweine-Herpesvirus) kommen, das für Hunde tödlich sein kann.
  • Ebenso kann das rohe Fleisch verschiedene Parasiten enthalten, die nicht nur den Hund, sondern auch den Menschen befallen können. Einfrieren tötet diese nicht zuverlässig ab, nur eine ausreichende Erhitzung (was für eine BARF-Ration naturgemäß nicht in Frage kommt).
  • Ein weiteres großes Risiko ist die Tatsache, dass extrem viele BARF-Rationen unausgewogen zusammengestellt sind. Verschiedene Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass ein sehr großer Anteil aller BARF-Rationen schwerwiegende Mängel in der Nährstoffversorgung aufweisen – eine Studie berichtet von 60% schwerwiegenden Mängeln, 40% der Rationen hatten weniger schwerwiegende Mängel oder waren weitestgehend bedarfsdeckend. Da es in der Regel 1,5 bis 2 Jahre dauert, bis bei einem erwachsenen Hund Fehlversorgungen tatsächlich klinisch sichtbar werden und dann auch noch häufig relativ unspezifisch, vergeht sehr viel Zeit, bis eine Fehlversorgung tatsächlich erkannt wird. Bei Welpen kann es allerdings sehr rasch zu irreversiblen Schäden im Wachstum durch Nährstoffimbalancen oder Über- oder Unterversorgung mit einzelnen Nährstoffen kommen. Durch Überversorgung mit Calcium können (neben Skelettschäden im Wachstum) beim erwachsenen Hund gegebenenfalls gehäuft Blasensteine auftreten. Über- oder Unterversorgung mit Jod kann zu Schilddrüsenerkrankungen führen. Der in aller Regel sehr hohe Eiweißgehalt von BARF-Rationen belastet Leber und Nieren als die Umwandlungs- und Ausscheidungsorgane für überschüssiges Protein. Hohe Mengen an bindegewebsreichen Materialien wie Pansen kann zu Fehlgärungen im Darm und vermehrter Durchfallanfälligkeit führen. Für zahlreiche Erkrankungen (z.B. Leber- oder Nierenerkrankungen) eignet sich die „übliche“ Zusammenstellung einer BARF-Ration nicht.
  • Eine Blutuntersuchung zur Überprüfung der Ausgewogenheit und Bedarfsdeckung führt allerdings leider nicht zum Ziel, da viele Parameter (z.B. Calcium) im Blut straff reguliert sind oder anderweitig Speicherorte haben und daher nicht die Versorgungslage widerspiegeln. Eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Versorgung für die wesentlichen Nährstoffe vermag eigentlich nur eine Rationsberechnung zu leisten.
  • Die häufig praktizierte Verfütterung ganzer Knochen kann zu Zahnfrakturen, Verletzungen des Magen-Darmtrakts durch Knochensplitter und schweren Verstopfungen durch Knochenkot führen.
  • Und nicht zuletzt sind auch bei Hunden Geschmäcker verschieden – nicht jeder Hund kann sich mit rohem Fleisch anfreunden, viele bevorzugen tatsächlich gekochtes oder gebratenes Fleisch.


Insofern bleibt letztlich nur, für die eigene Situation und den eigenen Hund die wesentlichen Vor- und Nachteile durchzuspielen. Demjenigen, der sich dann für die Umstellung auf Barfen entscheidet, sei allerdings dringend geraten, zumindest einmalig zu Beginn den Rat eines auf Tierernährung spezialisierten Tierarztes zur Überprüfung der Ausgewogenheit und Bedarfsdeckung der Ration hinzuziehen. Das Geld hierfür ist gut angelegt, wenn es damit langfristig Erkrankungen durch Fehlversorgungen vermeiden hilft. Außerdem kann man durch eine entsprechende Zusammenstellung der Ration auch einige der genannten Risiken abmildern oder ganz eliminieren.

 

Literatur:

Kölle, P., Schmidt, M. (2015). BARF (Biologisch Artgerechte Rohfütterung) als Ernährungsform bei Hunden. Tierärztliche Praxis 43 (K): 409–419