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Entzündliche Darmerkrankungen – „Inflammatory Bowel Disease“

Aufgrund der Häufigkeit für viele vielleicht der interessanteste Teil unserer Serie über Störungen und Erkrankungen des Verdauungstrakts. Lesen Sie hier im sechsten Teil die Ursachen, Diagnose und natürlich wie Sie nutritiv unterstützen können.

 

Hunde mit entzündlichen Darmerkrankungen („Inflammatory Bowel Disease“, IBD) werden häufig in der Tierarztpraxis vorgestellt. Derartige Darmerkrankungen können auf entzündliche oder immunbedingte Prozesse zurückzuführen sein, wobei vermutlich mehrere Faktoren gemeinsam für die Ausbildung der Darmentzündung verantwortlich sind.

Die Darmschleimhaut besitzt eine große Anzahl an Immunzellen, die dafür zuständig sind, auf der einen Seite den Organismus vor dem Eindringen von möglicherweise krankmachenden Keimen oder Substanzen zu schützen, auf der anderen Seite aber eine Toleranz gegenüber zahlreichen Substanzen aus z.B. Futtermitteln, Bakterien oder sonstigen Substanzen aus der Umwelt zu zeigen, damit der Körper Nahrung aufnehmen kann, ohne dass es zu Abwehrreaktionen des Immunsystems kommt. Da die Darmschleimhaut eine Grenzfläche zwischen Umwelt und Organismus darstellt, kommt sie mit einer großen Zahl verschiedenster Bakterienstämme in hochkonzentrierter Form und mit unzähligen Futtermittelbestandteilen in Kontakt. Dadurch, dass die verschiedenen Immunzellen unterschiedliche Substanzen bilden, die im gesunden Zustand zusammenwirken, wird ermöglicht, dass der Organismus harmlose Substanzen, die der Ernährung dienen, unterscheiden kann von potentiell krankmachenden, die nicht in den Organismus eindringen dürfen. Wenn dieses Zusammenspiel in irgendeiner Form gestört ist, kommt es zu Entzündungsreaktionen der Darmschleimhaut gegenüber Futterbestandteilen oder gegenüber der Darmflora. Soweit bekannt hat eine unspezifische Dysbiose insbesondere der direkt an der Darmschleimhaut befindlichen Darmflora einen wesentlichen Anteil an der Entstehung der IBD.

Chronisch-entzündliche Verdauungsstörungen im Dünndarmbereich haben große Auswirkungen auf den Patienten, weil es aufgrund der gestörten Nährstoffabsorption zu heftigem Durchfall, stark beeinträchtigtem Allgemeinbefinden, ausgeprägtem Gewichtsverlust sowie ggf. Haut- und Fellproblemen kommt. Die unzureichend verdauten Futterbestandteile gelangen vermehrt in den Dickdarm und werden dort von den Bakterien fermentiert, wobei größere Mengen an Gasen, organischen Säuren und Abbauprodukten aus dem Eiweißstoffwechsel der Darmflora entstehen. Es kommt häufig zu diversen Veränderungen im Blutbild wie Veränderungen der Leber- und Nierenwerte sowie des Folsäure- und Vitamin B12-Spiegels sowie einem Absinken des Albuminspiegels. Die Darmschleimhaut zeigt häufig zahlreiche histologisch feststellbare Entzündungserscheinungen.

Wenn die Verdauungs- und Absorptionsprozesse im Dünndarm beeinträchtigt sind, ist es wichtig, dem Patienten eine hochverdauliche Diät anzubieten, die qualitativ hochwertige Komponenten wie z.B. Fleisch und aufgeschlossene Stärkevarianten wie Reis und wenig Rohfaser enthält. Außerdem sollte die Ration höhere Gehalte an Nährstoffen wie Natrium, Kalium, Chlorid und fettlöslichen Vitaminen enthalten, da diese bei derartigen Erkrankungen oft unzureichend absorbiert werden. In vielen Fällen kann es hilfreich sein, antigenreduzierte Rationen zu verabreichen und hochwertige Eiweißquellen zu verwenden, mit denen der Patient vorher mit hoher Wahrscheinlichkeit noch keinen Kontakt hatte, wie z.B. Schaf, Kaninchen, Truthahn oder Fisch. Um eine Proteinüberversorgung zu vermeiden, die aufgrund der entzündlichen Veränderungen der Darmschleimhaut und den damit verbundenen sehr wahrscheinlichen Veränderungen der Durchlässigkeit der Darmwand unerwünscht ist, müssen entweder fettere Fleischsorten verwendet oder Fett bzw. Öl zur Ration zugesetzt werden. Wenn diese Rationsbestandteile vom Patienten vertragen werden, wird die Ration schrittweise um weitere Bestandteile erweitert, wobei insbesondere Reis eine bevorzugte Kohlenhydratquelle darstellt, die, wenn Naturreis verwendet wird, auch gleichzeitig ausreichende Mengen an Rohfaser mit sich bringt. Die Verwendung handelsüblicher Mineralfutter, die nicht speziell für Allergiepatienten konzipiert sind, kann Probleme mit sich bringen, wenn insbesondere eiweißhaltige Bestandteile enthalten sind, die vom Patienten nicht vertragen werden. Alternativ kann man auf speziell für Allergiepatienten erstellte Mineralfutter oder kommerzielle antigenreduzierte Alleinfuttermittel ausweichen oder gegebenenfalls einzelne Mineralstoffkomponenten wie Calciumphosphat und Kochsalz mit der einmal wöchentlichen Verfütterung von Leber kombinieren.

 

Quellen:

Meyer, H. und Zentek, J. (2010). Ernährung des Hundes. 6. Auflage. Enke-Verlag, Stuttgart.

Suchodolski, A.E., Markel, M.E., Garcia-Mazcorro, J.F., Unterer, s., Heilmann, R.M., Dowd, S.E., Kachroo, P., Ivanov, I., Minamoto, Y., Dillman, E.M., Steiner, J.M., Cook, A.K., Toresson, L. (2012). The Fecal Microbiome in Dogs with Acute Diarrhea and Idiopathic Inflammatory Bowel Disease. PLoS ONE 7(12), e51907.